Die alte Königin und das neue Kleid
Ein Märchen für die Akeret AG
Die Personen und ihre Darsteller |
Die Königin |
Zürcher Unterländer |
Der Spiegel: |
Die Selbsterkenntnis |
Mägde und Diener: |
Redaktorinnen und Redaktoren |
Das Volk: |
Die Leserschaft |
Die gute Fee: |
Verlag und Administration |
Gelehrte: |
HWV-Studenten |
Der Zauberer: |
Agentur Strebel und Partner, Zürich |
Elfen und Gnome: |
Die PTT und die Verträgerorganisation |
«Spieglein, Spieglein an der Wand,
wen liest man denn im Unterland?»
«Frau Königin, im Unterland,
hält euch fast jeder in der Hand.
Und die Menschen sind verzückt,
wenn ihr in deren Blickfeld rückt.
Man freut sich auf euch jeden Morgen,
drum macht euch bitte keine Sorgen!»
Befreit atmete die Königin auf, und sorgfältig verschloss sie den alten Schrank, in dem
sie ihren treuen Spiegel verwahrte. Er war sehr alt, und die Königin wusste selber nicht genau,
wie lange er schon in Familienbesitz war. Von Zeit zu Zeit trat sie vor ihn hin, um ihn zu befragen.
Manchmal zögerte sie auch, weil sie sich vor der Antwort fürchtete, denn sie wusste, dass
der Spiegel immer die Wahrheit sagte. In solchen Situationen schloss sie den Schrank schnell wieder
zu, um sich mit anderen Dingen abzulenken. Dabei fand die Königin aber keine Ruhe und war mit
sich selbst sehr unzufrieden. Sie scharte dann die Mägde und Diener um sich und schimpfte mit
ihnen: «So kann das nicht weitergehen. Ich verlange mehr Einsatz und Disziplin.» Die armen Leute
schauten sich verwundert an, schüttelten besorgt die Köpfe und wandten sich wieder ihrer
Arbeit zu. Sie wussten, dass es um die Nerven der alten Königin nicht zum besten bestellt war,
denn sie musste in ihrem Reich die Gunst des Volkes tagtäglich gegen andere Fürsten und
Grafen verteidigen.
* * *
Tage und Wochen gingen ins Land, aber eines schönen Tages
suchte die alte Königin wieder einmal das stille Kämmerlein auf, in dem der alte Schrank
mit dem sprechenden Spiegel stand, und sie fragte: «Spieglein, Spieglein an der Wand, wen liest
man denn im Unterland?»
«Frau Königin, im Unterland,
hält euch fast jeder in der Hand.
Das Volk jedoch - es tut mir leid,
verspottet euer altes Kleid.
Die Mode hat sich längst gewandelt,
es wird Zeit, dass ihr jetzt handelt!»
Die Königin wurde leichenblass und sank auf ihrem Sessel stumm
in sich zusammen. Sie war völlig verzweifelt und und alles, was sie in langen Jahren geleistet
hatte, erschien ihr plötzlich nutzlos und verloren.
«Verzweifle nicht, ich will dir helfen», sprach plötzlich eine sanfte Stimme auf sie ein, und
verwundert hob die alte Königin ihren Kopf. Sie erblickte ein hübsches Mädchen mit
leicht gewelltem, hellbraunem Haar, das gütig lächelte. Die Königin wusste sofort, das
ist sie, die gute Fee, die schon in so vielen Märchen ganz plötzlich und völlig
unerwartet in schwerer Stunde aufgetaucht ist. «Gute Fee, sage mir, wie kann ich mich aus dieser
Situation befreien?», fragte die Königin. «Bleibe ruhig, und schimpfe nicht mit deinen Leuten»
antwortete die Fee, «ich will dir sagen, wie es weitergeht! Rufe deine Gelehrten, deine Mägde und
Diener zusammen und dann», der Rest der Aussage ging im Lärm eines startenden Flugzeugs unter.
* * *
Die alte Königin blieb ruhig, und sie rief ihre Gelehrten,
Mägde und Diener zu sich, ohne sie zu beschimpfen. «Ich weiss jetzt, dass man heutzutage von
Kopf bis Fuss auf die Zukunft eingestellt sein muss, um zu überleben», sagte sie, ohne dass ihrer
Stimme ein Vibrieren anzumerken gewesen wäre. «Gelehrte, geht hinaus nach Bülach, Dielsdorf
und Kloten und erkundigt euch, was das Volk meint. Und ihr, Mägde und Diener, geht ebenfalls
hinaus in die Dörfer, zu den Behörden, zu Parteien und Vereinen, und berichtet mir, was
läuft und geht!» Alle nickten zustimmend, und die Bediensteten taten, was ihnen ganz
unvermittelt aufgetragen wurde.
* * *
Derweil die Untertanen im Unterlande unterwegs waren, unterhielten
sich die Königin und die Fee sehr angeregt. «Ich glaube zu wissen, wo der Hund begraben liegt»,
flötete die gute Fee mit ihrer sanften Stimme. «Schau mich an, meine Liebe. Obwohl ich viel
älter bin als du mit deinen 141 Jahren, wirke ich doch jugendlich, frisch und modern. Du hingegen
trägst eine antiquierte Krone, dein Kleid hat im Laufe der Zeit Falten bekommen und deine Schuhe
sind zu plump, um elegant daherschreiten zu können. Ich warte jetzt nur noch auf die
Bestätigung meiner Theorie durch deine Gelehrten. Dann können wir entscheiden, welche
Massnahmen wir ergreifen wollen.»
* * *
Allmählich kehrten die Mägde und Diener zurück, und
sie setzten sich an ihre Schreibtische, um ihre Berichte zu verfassen. Alsbald kamen auch die
Gelehrten zurück, und sie berichteten der alten Königin, was sie vom Volk vernommen hatten.
Auch die gute Fee hörte aufmerksam zu, und als die Gelehrten gestanden, dass vier von fünf
Leuten ein zeitgemässeres Kleid für die Königin wünschten, schlich sich ein
kaum wahrnehmbares Lächeln in ihr sonst ernstes Gesicht.
«Es ist so, wie ich es vermutet habe», sagte die Fee zur Königin. «Du musst jetzt handeln und
dir ein neues und moderneres Kleid zulegen. Und wenn wir schon dabei sind, deinen Mottenschrank
auszumisten, dann wollen wir gleichzeitig darauf achten, dass wir mit flankierenden Massnahmen einen
optimalen Erfolg erzielen.» Mit diesen Worten verschwand die gute Fee so plötzlich, wie sie
erschienen war.
* * *
Die alte Königin aber begann damit, ihre Kleider zu prüfen,
Abgetragenes wegzuwerfen, Falten zu glätten, da und dort etwas zu ändern. Als die gute Fee
nach einigen Tagen wieder erschien freute sie sich und lobte: «Gut so, Königin, hast du bemerkt,
dass du inzwischen wesentlich jünger aussiehst?» Damit wir dein Aussehen noch optimieren
können, habe ich heute meinen Freund, den Zauberer, mitgebracht - er wird dir eine neue
Krone machen, denn es ist sehr wichtig, dass die Krone und das Kleid miteinander harmonieren. Der
Zauberer betrachtete die altertümlich gestaltete Krone, fuhr mit flinker Hand einige Male
über sie hinweg, und im Nu setzte er der Königin eine moderne und weniger verschnörkelte
Krone auf den Kopf. Die gute Fee klatschte begeistert in die Hände: «Sieh an, wie modern und
jugendlich du jetzt aussiehst. Ich glaube, dass ich mich nun wieder etwas zurückziehen kann.»
* * *
Die Königin aber rief ihre Mägde und Diener zu sich.
Erfreut stellte sie fest, dass diese vom jugendlichen Anblick ihrer Herrin äusserst angetan
waren und sich neu motiviert an ihre Arbeit machten. Viele Elfen und Gnomen trugen nun die frohe
Kunde hinaus in die Haushaltungen des Unterlandes.
Einige Stunden später begab sich die junggewordene Königin in ihr stilles Kämmerlein,
und erwartungsvoll stellte sie erneut die Frage: «Spieglein, Spieglein an der Wand, wen liest man
denn im Unterland?»
«Frau Königin, im Unterland,
hält euch fast jeder in der Hand.
Und die Menschen sind verzückt,
vom Erscheinungsbild berückt.
Man freut sich wieder, euch zu sehen,
es kann jetzt nur noch aufwärts gehen!»
© Kurt Riedberger, pbr, Dielsdorf
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