Das Weihnachtsgeschenk
Ein Weihnachtsmärchen für die Markus Flühmann AG
Es war vor langer, langer Zeit, da gab es dort, wo unsere Geschichte
spielt, ein einziges grosses Meer. Im Laufe der Jahrmillionen wurde das Wasser immer weniger, das Meer
entschwand, und von Menschen wurde eine Siedlung gebaut. Wenn jemand fragte, wo sie zuhause sind, sagten
sie einfach: «Da, wo das Meer entschwand». Aus der Siedlung wurde nach und nach ein Dorf, das von den
Leuten fortan «Merenschwand» genannt wurde.
Im Dorf lebten rechtschaffene Frauen und Männer, die sich mit ehrlicher Arbeit ihr täglich Brot
verdienten. «Es wäre schön», sagten sie manchmal am Stammtisch, «wenn sich bei uns auch ein
wenig Industrie niederliesse und zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen würde.» Dann begannen ihre
Augen zu glänzen, und heimlich träumten sie von besseren Zeiten.
* * *
Just zu dieser Zeit lebte in der Flüh, nur zwei Täler weiter,
ein tüchtiger junger Mann mit kurzgeschorenem Haar und pfiffigen Ideen. Seine Faxen waren im ganzen
Land bekannt, und weil er sehr gut tanzte, war er der Liebling aller Töchter. Für einige
Reiseveranstalter in der grossen Stadt verschickte er die Prospekte, und davon lebte er recht und schlecht.
Doch mit der Zeit wurde der Platz immer enger, und so sprach er zu sich selbst: «Ich will ein grosses
Lager und ein Mailinghaus* bauen. Damit werde ich leistungsfähiger, ich kann neue Kunden gewinnen und
alles wird viel besser.»
(* Der Ausdruck Mailing wurde dereinst von Marco Polo aus China mitgebracht. Mai Ling war die Tochter
des damaligen Postministers, und der Name bedeutet sinngemäss übersetzt «Versand» oder
«versenden».)
In der Flüh herrschte ob dieser Pläne nicht eitel Freude und so zog unser Jüngling aus, um
in der Fremde nach einem geeigneten Standort zu suchen. Schon bald kam er nach Merenschwand, wo sein
Ansinnen auf fruchtbaren Boden fiel. Die Dorfältesten waren restlos begeistert und sprachen zu ihm:
«Deine Pläne gefallen uns, wir wollen Dir dabei gerne helfen. Du sollst einer der unseren werden, und
weil du von der Flüh kommst, werden wir dich Flühmann nennen!» Die Begeisterung im Dorf war
gross und noch am gleichen Tage verkündete der Ausrufer auf allen Plätzen: «Der Flühmann
kommt und errichtet ein Mailinghaus mit einem grossen Lager. Er bringt uns Arbeitsplätze und
Verdienst. Jetzt wird es auch mit Merenschwand bald aufwärts gehen!»
* * *
So wurde mit dem Bau begonnen, und er machte gute Fortschritte. Derweil
war der Flühmann keineswegs untätig. Er reiste in die grosse Stadt und besuchte die Direktoren
der zahlreichen Reiseveranstalter. Er sprach bei allen vor, bei jenen von ITV (der Internationalen
Transport-Vereinigung), bei jenen am Kuonisbergli und auch bei jenen mit dem Hotel-Plan. «Ihr könnt
Platz und Geld sparen, wenn ihr eure Prospekte bei mir einlagert und durch mich versenden lässt»,
sagte er zu den hohen Herren. «Und auch die Umwelt wird es euch danken, wenn anstelle von drei
Pferdewagen mit einem Prospekt nur noch ein Pferdewagen mit drei Prospekten vorfährt. So können
wir Energie sparen, wir brauchen weniger Heu und Hafer.» Seine eindringlichen Worte stiessen nicht
auf taube Ohren und nach einigen Wenn und Aber waren sie alle einverstanden, dass der Flühmann
ihre Prospekte lagern und versenden soll. Nun lachte sich der Flühmann heimlich ins Fäustchen:
«Wenn die drei grossen Veranstalter mitmachen, dann werden die kleineren wohl nicht Nein sagen.» Also
machte er sich auf und besuchte auch diese. Und siehe da, manch einer schloss sich der Idee an,
während einige wenige zu ihm sagten: «Ich habe genug Geld und Zeit. Ich werde meine Prospekte
trotz deines Mailinghauses selber lagern und versenden.»
* * *
Inzwischen war der Neubau fertig und das Mailinghaus konnte seine
Tätigkeit aufnehmen. Bald schon fuhren die ersten Pferdewagen vor und brachten ganze Berge von
Prospekten, die für alle Gegenden in dieser Welt warben. Der Zufall wollte es, dass die Lieferungen
von ITV und jene des Reiseveranstalters am Kuonisbergli praktisch gleichzeitig eintrafen. «Das ist nicht
gut», murmelte der Flühmann vor sich hin. «Die beiden haben das Heu nicht auf der gleichen
Bühne, und darum werde ich die beiden Prospekte am linken und am rechten Ende des Gebäudes
lagern.» Tina, die sich gut aufs Organisieren verstand und dem Flühmann bei seinem Werk mit Rat
und Tat zur Seite stand, hörte diese Worte und widersprach: «Nein, das ist für den Betriebsablauf
nicht gut, wenn sie weit auseinander liegen. Das sind genau jene Prospekte, die wir am meisten brauchen
werden. Deshalb müssen sie nebeneinander in der Nähe des Ausgangs gelagert werden.»
* * *
Die Fuhrmänner taten, wie ihnen geheissen wurde, und so standen
nun die beiden Stapel mit den bunten Prospekten dicht nebeneinander in der Lagerhalle. Es dauerte nicht
lange, da begannen die Kuonisbergli- und die ITV-Prospekte miteinander zu zanken: «Es ist eine Zumutung,
neben dir gelagert zu werden, verschwinde von hier!» «Das wird wohl schneller passieren als es dir lieb
ist. Ich bin beliebt und werde von den Leuten oft verlangt», stichelte der andere zurück. So ging
es eine zeitlang hin und her bis es ihnen zu bunt wurde und sie sich schmollend voneinander abwandten.
* * *
Allmählich hatten sich die beiden Prospekte daran gewöhnt, dass
sie so dicht beieinander lagen, denn in der Zwischenzeit war die Lagerhalle voll mit Reiseprospekten
aller Art. Und im Mailinghaus herrschte tagtäglich ein emsiges Treiben. Die Frauen des Dorfes
schnürten mit fleissigen Händen Paket um Paket. Es gab grosse und kleine Pakete, und manchmal
wurden auch einzelne Prospekte in grossen Umschlägen versandt.
Je kleiner die Stapel wurden, desto mulmiger war es den beiden Prospekten zumute: «Jetzt wird die Reihe
wohl bald an uns sein. Eigentlich schade, nachdem wir uns inzwischen so gut aneinander gewöhnt haben.»
* * *
Tatsächlich dauerte es nicht mehr lange bis ihr Aufenthalt im Lager
zu Ende ging. Eines Tages wurde der Kuonisbergli-Prospekt zusammen mit 39 Kollegen zu einem kleinen
Paket geschnürt. Plötzlich knallte es, die Menschen jubelten, ergriffen Gläser mit einem
perlenden Getränk und freuten sich. «Das ist ein Meilenstein, wir haben die Schallgrenze
von 300 000 Paketen erreicht», strahlte jetzt auch der Flühmann, der seinen Frauen für die
gute Arbeit dankte. Derweil wischte sich der ITV-Prospekt eine Träne, respektive einen
Champagnerspritzer, von der Titelseite und harrte seines weiteren Schicksals.
* * *
Er brauchte nicht lange zu warten. Zwei Tage später wurde auch er
verpackt und an ein Reisebüro verschickt. Dort erwartete ihn eine grosse Überraschung. Auf dem
Gestell traf er seinen Kollegen vom Lagerhaus: «Welch glücklicher Zufall, dass wir uns im gleichen
Reisebüro wieder finden. Jetzt bin ich aber gespannt, bei wem wir die Vorfreude auf sonnige
Ferientage wecken sollen.» «Vorfreude werden wir beide wecken, aber buchen werden die Leute sicher
bei mir», entgegnete der andere Prospekt mit einem Anflug des fast schon vergessenen Konkurrenzdenkens.
«Lass diesen Quatsch, jetzt wo wir uns wieder getroffen haben, sollten wir nicht mehr streiten. Gewiss
ist nur, dass die Leute, die nach uns verlangen werden, dem grauen Alltag entfliehen und schöne
Ferien verbringen wollen. Welches Land, welchen Ort, welches Hotel werden sie wohl wählen?»
* * *
«Endlich ist Weihnachten», sprach die Reiseberaterin zu ihrer Kollegin,
«ich bin froh, dass wir das Büro um 12 Uhr schliessen». Da stürmte im letzten Moment ein Mann
an den Schalter. «Ich will mit meiner Frau ein paar schöne Tage an der Sonne verbringen», sagte er
ausser Atem. «Bitte geben sie mir jenen Kuonisbergli- und den ITV-Prospekt mit, ich werde über die
Festtage mit meiner Frau besprechen, wohin wir fahren wollen, und dann komme ich für die Buchung
wieder bei ihnen vorbei.» Die Schalterangestellte gab ihm diese, und der Mann steckte sie in seine Mappe.
Zuhause nahm er die beiden Prospekte, und ohne sie gross zu beachten, verpackte er sie gemeinsam in ein
mit Sternen geschmücktes Papier. Dann legte er sie unter eine in der Stube stehende kleine Tanne
mit vielen Kerzen.
* * *
Als es dunkel war zündete der Mann die Kerzen an und er sprach zu
seiner Frau: «Frohe Weihnacht, mein Schatz. Er griff nach den festlich verpackten Prospekten, reichte
sie weiter und sagte: «Ich habe im Reisebüro diese zwei Prospekte geholt, suche dir etwas aus, dann
wollen wir gemeinsam ein paar schöne Tage verbringen!»
Damit hatten die beiden Prospekte nicht gerechnet, ausgerechnet sie waren auserkoren, weihnächtliche
Freude zu bereiten. Nein, das hatten sie in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet. Die Frau
küsste ihren Mann und blätterte dann in beiden Prospekten. Nach einer Weile unterbrach sie die
festliche Stille und sagte: «Das ist wirklich lieb von dir. Ich freue mich darauf, mit dir ein paar
schöne Tage zu verbringen. Das können wir aber auch zuhause tun, dafür kaufen wir uns nach
den Festtagen eine neue Polstergruppe!»
* * *
Dies hatten die beiden Prospekte noch viel weniger erwartet. Seite an
Seite lagen sie in der Küche auf dem Haufen mit dem Altpapier. Und wenn dieses noch nicht abgeholt
wurde, dann warten sie dort bis heute auf ihr
E n d e !
© Kurt Riedberger, pbr, Dielsdorf
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